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thur­gaui­sche
natur­for­schen­de
gesell­schaft

Trinkwasser im unteren Thurtal – auch in Zukunft?

Im unte­ren Thur­tal wird das Trink­was­ser aus nahe der Thur ste­hen­den Fas­sun­gen geför­dert. Was ändert sich, wenn das Pro­jekt «Thur3» der­einst umge­setzt ist und die Kli­ma­er­wär­mung wei­ter fort­schrei­tet?

Marco Baumann

Geo­lo­ge, RSQ GmbH

Grund­was­ser und Trink­was­ser
Grund­was­ser hat etwas Geheim­nis­vol­les an sich: man sieht es nicht, riecht es nicht, hört es nicht. Es ist eine der Schlüs­sel­grös­sen, ohne die unse­re Zivi­li­sa­ti­on nicht über­le­bens­fä­hig ist. Sowohl Grund- als auch Quell­was­ser wird durch die Ver­si­cke­rung von Regen­was­ser im Boden gebil­det. Die Men­ge und die Tem­pe­ra­tur des Grund­was­sers an einem Stand­ort hän­gen von der Geo­lo­gie sowie von den kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­sen ab. Das Trink­was­ser im Kan­ton Thur­gau hat ver­schie­de­ne Her­kunft: 50% ist Grund­was­ser, 40% ist See­was­ser aus dem Boden­see und 10% ist Quell­was­ser.

Alt­lauf der Thur mit Grund­was­ser­auf­stoss, nörd­lich der Grundwasser­fassung Thura­cker.
Bild: Mar­co Bau­mann

Anfor­de­run­gen an das Trink­was­ser
Bei der Nut­zung von Grund­was­ser wird die­ser «Roh­stoff» mit der För­de­rung durch eine Pum­pe und der Zulei­tung in das Was­ser­ver­sor­gungs­netz augen­blick­lich zum Lebens­mit­tel Trink­was­ser. Als Lebens­mit­tel muss Trink­was­ser bezüg­lich sei­nes Geru­ches, Geschmacks und Aus­se­hens unauf­fäl­lig sein und darf hin­sicht­lich Art und Kon­zen­tra­ti­on der dar­in ent­hal­te­nen Mikro­or­ga­nis­men, Para­si­ten sowie Kon­ta­mi­na­ten kei­ne Gesund­heits­ge­fähr­dung dar­stel­len. Das im unte­ren Thur­tal in den Pump­wer­ken der Stadt Frau­en­feld, der poli­ti­schen Gemein­den Gach­nang, Ues­s­­lin­­gen-Buch und Neun­forn geför­der­te Grund­was­ser erfüllt die­se Anfor­de­run­gen der Lebens­mit­tel­ge­setz­ge­bung. Ein wesent­li­cher Aspekt ist dabei die Was­ser­tem­pe­ra­tur, die auch von der Aus­sen­tem­pe­ra­tur abhängt. Im Schwei­ze­ri­schen Lebens­mit­tel­buch SLMB von 2017 wird der Erfah­rungs­wert zur Tem­pe­ra­tur für die Grund­was­ser­fas­sung und das Ver­teil­netz bei der Fas­sung mit 8 bis 15 °C und die Höchst­tem­pe­ra­tur im Ver­teil­netz mit 25 °C fest­ge­legt. Trotz Daten­lü­cke zwi­schen 1987 und 2002, ist in der Abbil­dung auf Sei­te 11 oben zu erken­nen, dass sich die­se Tem­pe­ra­tur­ver­hält­nis­se beim Pump­werk Widen in den letz­ten 35 Jah­ren ver­än­dert haben. Als Ursa­che wird die Über­la­ge­rung der bei­den Fak­to­ren «heis­ses Som­mer­wet­ter» und «gerin­ger Flur­ab­stand» ver­mu­tet.

Mini­ma­le und maxi­ma­le Grund­was­ser­tem­pe­ra­tur bei der Fas­sung Widen. Daten 1980 bis 1988 aus den Erläu­te­run­gen zur Grund­was­ser­kar­te 1:25’000 (Abb. 5), hän­disch inter­pre­tiert. Daten 2003 bis 2024 vom Amt für Umwelt Thur­gau; Daten von 2025 gemäss Anga­ben des Brun­nen­meis­ters in der «Frau­en­fel­der Zei­tung» vom 08.10.2025.

Das Grund­was­ser­vor­kom­men im unte­ren Thur­tal
Die Thur wird zwi­schen Bürglen und Nie­der­neun­forn von einem bedeu­ten­den Grund­was­ser­vor­kom­men beglei­tet. Am unter­stro­mi­gen Ende des Grund­was­ser­vor­kom­mens wird prak­tisch das gesam­te Grund­was­ser zur Exfil­tra­ti­on in die Thur gezwun­gen und der Flur­ab­stand, der Abstand des Grund­was­ser­spie­gels zur Ober­flä­che, ist hier sehr gering. Die Grund­was­ser­neu­bil­dung erfolgt durch Nie­der­schlä­ge, durch Zuflüs­se und durch die Thur sel­ber, wobei der Thur-Anteil eine ent­schei­den­de Bedeu­tung hat. Die Befürch­tung, dass Ein­grif­fe im Rah­men des Pro­jek­tes «Thur3» die­se Inter­ak­ti­on ungüns­tig beein­flus­sen könn­te, war der Aus­lö­ser zur Erar­bei­tung eines loka­len Grund­was­ser­mo­dells, 2009 ver­öf­fent­licht in Band 63 der Mit­tei­lun­gen der Thur­gau­ischen Natur­for­schen­den Gesell­schaft.

«Das Pro­jekt ‹Thur3› ermög­licht eine
resi­li­en­te Struk­tur der Trink­was­ser­ge­win­nung.»

Mar­co Bau­mann
Geo­lo­ge, RSQ GmbH

Hoch­was­ser­schutz im Thur­tal ­ mit dem Pro­jekt «Thur3»
Das Pro­jekt «Thur3» will nicht nur den Hoch­was­ser­schutz sicher­stel­len, son­dern der Thur auch mehr Raum geben, um öko­lo­gisch hoch­wer­ti­ge Habi­ta­te zu schaf­fen. Aus Grund­was­ser­sicht besteht das Pro­jekt im Wesent­li­chen aus einer Auf­wei­tung des Fluss­bet­tes sowie einer, durch Inter­ven­ti­ons­li­ni­en begrenz­ten, Aus­bil­dung eines ver­zweig­ten Gerin­nes. Im Thur­ab­schnitt unter­halb der Murg­mün­dung und in der Frau­en­fel­der All­mend ist zur Anbin­dung der alten Auen­wäl­der an die neue Dyna­mik der Thur eine Damm­ver­schie­bung hin­ter die Auen­wäl­der vor­ge­se­hen. Mit dem aktua­li­sier­ten Grund­was­ser­mo­dell wur­de der Ein­fluss die­ser neu­en Thur­geo­me­trie auf die im unte­ren Thur­tal vor­han­de­nen Grund­was­ser­fas­sun­gen über­prüft. Eine Mit­tel­ge­rin­ne­auf­wei­tung führt dem­zu­fol­ge nur zu klei­nen Ver­än­de­run­gen der Ein­zugs­be­rei­che, da die Pump­wer­ke hin­ter den Bin­nen­ka­nä­len lie­gen. Durch die Ver­le­gung der Däm­me und der Bin­nen­ka­nä­le ändert sich jedoch die Anströ­mung zu den Fas­sun­gen: Die aktu­el­len Grund­was­ser­fas­sun­gen Wuhr, Widen und Thura­cker ste­hen vor­aus­sicht­lich im Nut­zungs­kon­flikt mit dem Pro­jekt «Thur3» sowie der Dyna­mi­sie­rung der Auen­ge­bie­te von natio­na­ler Bedeu­tung.

Dyna­mik an der Thur am Stand­ort Nie­der­neun­forn vor Beginn der Bau­ar­bei­ten 2001.

Dyna­mik an der Thur am Stand­ort Nie­der­neun­forn nach Abschluss der Bau­ar­bei­ten 2003.

Thur 2025. blau = Thur, gelb = Kies­bank, oli­ve = Kies­bank alt/junger Wald, grün = Wald.

Trink­was­ser­ver­sor­gung im unte­ren Thur­tal – auch in Zukunft?
Im Pro­jekt «Thur3» gilt es zwi­schen drei sich mit­un­ter wider­spre­chen­den Zie­len abzu­wä­gen: «Hoch­was­ser­schutz und Wie­der­her­stel­lung natur­na­her Fliess­ge­wäs­ser», «Auf­wer­tung von aus­ge­schie­de­nen Auen­ge­bie­ten» und «Schutz des Grund­was­sers am Fas­sungs­stand­ort von Trink­was­ser». Das Zulas­sen von mehr Gewäs­ser­dy­na­mik wird eine Her­aus­for­de­rung sein, da damit ein Inter­es­sen­kon­flikt zwi­schen «Schutz aus Sicht Trink­was­ser­ver­sor­gung (= Vor­ga­ben für Schutz­zo­nen)» und «Schutz aus Sicht Auen (= Dyna­mik)» besteht. Mit Blick auf die aktu­el­le Kli­ma­ver­än­de­rung ist zudem anzu­neh­men, dass das alte Band der Erfah­rungs­wer­te für fri­sches, küh­les Trink­was­ser gemäss dem SLMB von 8 bis 15 °C in den kom­men­den Jah­ren nicht mehr bei jeder Wasserver­sorgung im unte­ren Thur­tal ein­ge­hal­ten wer­den kann und dort zukünf­tig höhe­re Trink­was­ser­tem­pe­ra­tu­ren ab Was­ser­hahn im Sommer/Herbst akzep­tiert wer­den müs­sen. Höhe­re Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren in den Lei­tun­gen beein­flussen jedoch die che­mi­schen, physika­lischen und mikro­biologischen Pro­zes­se des Was­sers (z. B. das Auf­tre­ten und Ver­meh­ren von Legio­nel­len oder die Aus­fäl­lung von im Was­ser gelös­ten Stof­fen). Ein Lösungs­an­satz bei­spiels­wei­se wäre, dass die Was­ser­ver­sor­gung die Wär­me des Grund­was­sers mit Wär­me­pum­pen gewinnt und die­se in ein vor­han­de­nes oder noch auf­zu­bau­en­des Wär­me­ver­bund­netz ein­speist.

Trotz die­ser Inter­es­sen­kon­flik­te ist der ver­bes­ser­te Hoch­was­ser­schutz für das Thur­tal mit dem Pro­jekt «Thur3» eine gros­se Chan­ce für die Trink­was­ser­ver­sor­gun­gen im Thur­tal und für eine lang­fris­tig resi­li­en­te Struk­tur der Trink­was­ser­ge­win­nung der Regi­on. Dies nicht zuletzt auch mit Blick auf mög­li­che Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels auf die Grund­was­ser­tem­pe­ra­tur und ‑qua­li­tät – und somit auf unser Trink­was­ser.

Lite­ra­tur

AWEL, 2023: Amt für Abfall, Was­ser Ener­gie und Luft, Kan­ton Zürich: Was­ser und Gewäs­ser 2022.

Amt für Umwelt Kan­ton Thur­gau, 2022: Thur+ das Hoch­­­was­­ser­­schutz- und Revi­ta­li­sie­rungs­kon­zept für das Thur­tal, Teil II behör­den­ver­bind­li­che Fest­le­gun­gen; 22.03.2022. thur.tg.ch. Zugriff am 07.07.2025.

Bau­mann Mar­co, Jor­dan Peter, Hoehn Edu­ard & Geis­ser Han­nes (Hrsg.), 2009: Ein neu­es Grund­was­ser­mo­dell für das Thur­tal. Mit­tei­lun­gen der Thur­gau­ischen Natur­for­schen­den Gesell­schaft, Band 63.

BUWAL, 2004: Weg­lei­tung Grund­was­ser­schutz. Voll­zug Umwelt.

Cirp­ka O. & Hoehn E., 2008: Fluss­re­vi­ta­li­sie­rung und Grund­was­ser­schutz. Eawag News 65, Sep­tem­ber 2008.

Depar­te­ment für Bau und Umwelt Kan­ton Thur­gau, 2017: 3. Thur­gau­er Thur­kor­rek­ti­on, Grund­was­ser, Grund­la­gen­be­richt. Bericht Nr. C3 (Ver­nehm­las­sungs­exem­plar). thur.tg.ch, 28.04.2017.

Dr. H. Jäck­li AG, 2003: Erläu­te­run­gen zur Grund­was­ser­kar­te 1 :25’000 Kan­ton Thur­gau. AfU TG.

INGE Hun­zi­ker Beta­tech AG ¦ bha­team Inge­nieu­re AG, Simul­tec AG, Kaden&Partner AG & CSD Inge­nieu­re AG, 2022: Thur+, das Hoch­­­was­­ser­­schutz- und Revi­ta­li­sie­rungs­kon­zept für das Thur­tal. Tech­ni­scher Bericht. thur.tg.ch. Zugriff am 23.02.2022.

Schürch M. et al., 2018: Tempé­ra­tu­re des Eaux Sou­ter­rai­nes. Aqua&Gas No 7/8

Schwei­ze­ri­sches Lebens­mit­tel­buch, 2003: Kapi­tel 27 A Trink­was­ser. Aus­zug.

Eawag, 2025: Grund­was­ser – die Res­sour­ce Trink­was­ser nut­zen und schüt­zen. Info­tag Maga­zin 2025.

Zitier­te Quel­len aus dem Inter­net

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Ver­ord­nung des EDI über Trink­was­ser sowie Was­ser in öffent­lich zugäng­li­chen Bädern und Dusch­an­la­gen, TBDV, SR 817.022.11. Zugriff am 25.07.2025.

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