maga­zin
thur­gaui­sche
natur­for­schen­de
gesell­schaft

Warmzeitliche mittelmiozäne Floren im Thurgau und im Öhninger Maar zwischen kühlzeitlichen Muren

2024 ver­starb der bekann­te Geo­lo­ge René Hant­ke, Pro­fes­sor an der ETHZ, und hin­ter­liess zwei Manu­skrip­te für die TNG-Mit­­­tei­­lun­­gen. Über­ar­bei­tet durch die Autoren erschien der ers­te Bei­trag in der letz­ten Aus­ga­be des «mag». Mit die­sem Bei­trag erscheint sein letz­ter Dis­kus­si­ons­bei­trag für sein Fach­ge­biet.

Andreas Müller

Fach­re­fe­rent Erd­wis­sen­schaf­ten ETH-Biblio­­thek

Hannes Geisser

Bio­lo­ge,
Redak­tor TNG

Ori­gi­nal­ma­nu­skript von

René Hantke (1925–2024)

Titu­lar­pro­fes­sor Erd­wis­sen­schaf­ten,
ETH Zürich

Ein Schwer­punkt von René Hant­kes For­schung lag auf der Obe­ren Süss­was­ser­mo­las­se (OSM), die im Mit­tel­mio­zän (vor ca. 17–12 Mio. Jah­ren) im Schwei­zer Mit­tel­land abge­la­gert wur­de. Die­se Sedi­men­te bestehen aus einer Wech­sel­la­ge­rung grob­kör­ni­ger Nagel­fl­uh­bän­ke und fein­kör­ni­ger Sand‑, Silt‑, Ton- und Mer­gel­schich­ten, oft ange­rei­chert mit fos­si­len Über­res­ten von Pflan­zen und Tie­ren.

René Hant­ke (vor­ne Mit­te) auf geo­lo­gi­scher Exkur­si­on im Jahr 1955 mit Rudolf Staub (links) und Rudolf Trüm­py (rechts).
Bild: ETH-Biblio­­thek Zürich, Bild­ar­chiv

Ein­bli­cke in die Auen- und Sumpf­wäl­der des Mit­tel­mio­zäns
Nach der Dis­kus­si­on über René Hant­kes Inter­pre­ta­ti­on der Nagel­flu­hen in der letz­ten Aus­ga­be des «mag» wen­den wir uns in die­sem, sei­nem letz­ten Bei­trag, den zwi­schen­ge­la­ger­ten, fein­kör­ni­gen Mer­geln und deren fos­si­ler Flo­ra im Raum Thur­gau und Öhn­in­gen (Baden-Wür­t­­te­m­­berg) zu. Fos­si­le Blatt­res­te aus die­sen Mer­geln eröff­nen Ein­bli­cke in frü­he­re Umwelt‑, Kli­­ma- und Vege­ta­ti­ons­ver­hält­nis­se. Auf Grund­la­ge von rund 25 Fund­stel­len, vie­le bereits im 19. Jahr­hun­dert von Oswald Heer ent­deckt, lässt sich eine arten­rei­che Auen- und Sumpf­wald­flo­ra des Mit­tel­mio­zäns rekon­stru­ie­ren, mit Pap­peln, Pla­ta­nen, Amber­bäu­men, Kamp­fer­bäu­men, Lor­beer­ge­wäch­sen, Ulmen, Eschen sowie Was­ser­fich­ten. Ergänzt wird die­ses viel­fäl­ti­ge Arten­spek­trum durch spek­ta­ku­lä­re Fun­de wie fos­si­le Früch­te der Gat­tung Reh­dero­den­dron. Die­se Fun­de ord­ne­te René Hant­ke einem feucht-war­m­­ge­­mäs­­si­g­­ten, sub­tro­pi­schen Kli­ma (Cfa-Kli­­ma nach Köp­pen & Gei­ger) zu, ver­gleich­bar mit heu­ti­gen Bedin­gun­gen im Mis­­sis­­sip­pi-Del­­ta in den USA.

Rekon­struk­ti­on mit­tel­mio­zä­ner Auen- und Sumpf­le­bens­räu­me im nörd­li­chen Alpen­vor­land anhand von fos­si­len Pflan­zen­fun­den aus Öhn­in­gen am Unter­see und dem Thur­gau.
a) Unrei­fe fos­si­le Frucht der Sty­ra­­ca­ceen-Gat­­tung Reh­dero­den­dron pruni­for­mis (HR.) aus Öhn­in­gen in der mit­tel­mio­zä­nen Obe­ren Süss­was­ser­mo­las­se. Bild: Erd­wis­sen­schaft­li­che Samm­lun­gen, ETH Zürich
b) Fos­si­le Blät­ter von Bytt­ne­rio­phyl­lum tiliae­fo­li­um aus den Öhn­in­ger Süss­was­ser­kal­ken deu­ten auf sump­fi­ge Stel­len am Öhn­in­ger Maar­see hin. Bild: Natur­museum Thur­gau, Frau­en­feld
c) Rekon­stru­ier­te Lebens­welt im Alpen­vor­land vor ca. 13 Mio. Jah­ren: Ölge­mäl­de (3,5 × 5,5 m) von R. Holz­halb, 1871, nach Vor­ga­ben von Oswald Heer. Bild: focus­Ter­ra, ETH Zürich

Kli­ma­tisch gesteu­er­te Abla­ge­rungs­zy­klen
René Hant­ke inter­pre­tier­te die alter­nie­ren­den Fein­se­di­men­te und Nagel­fl­uh­bän­ke als kli­ma­ge­steu­er­te Zyklen: Wär­me­re Inter­val­le spie­geln sich in ton- und mer­gel­rei­chen Fein­se­di­men­ten, küh­le­re Inter­val­le in nagel­fl­uh­do­mi­nier­ten Schicht­pa­ke­ten. Sein aus­führ­li­cher Ori­gi­nal­bei­trag (s. QR-Code) zu den warm­zeit­li­chen Flo­ren ver­fei­nert das Ver­ständ­nis der mit­tel­mio­zä­nen Umwelt‑, Kli­­ma- und Land­schafts­ent­wick­lung im Thur­gau und am Öhn­in­ger Maar, der bekann­ten Foss­il­la­ger­stät­te im süd­deut­schen, thur­gau­na­hen Heg­au­ge­biet, und erwei­tert die regio­na­le Stra­ti­gra­phie und Paläo­öko­lo­gie um ein wei­te­res Puz­zle­teil.