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Mehr sehen – wie sich meine Liebe zur Natur bildete

Die Kunst­form der Foto­gra­fie gibt einem Mög­lich­keit, den Reich­tum der Natur fest­zu­hal­ten.

Simone Kappeler

Foto­gra­fin, Frau­en­feld.
2021 Trä­ge­rin des
Thur­gau­er Kul­tur­prei­ses

Ange­fan­gen hat es damit, dass unse­re Mut­ter mit uns fünf Kin­dern an jedem frei­en Nach­mit­tag in die Thurau­en oder in einen nahen Wald ging, wo wir uns aus­to­ben konn­ten. Wir schnitz­ten Ste­cken zum Brä­teln, klet­ter­ten auf klei­ne­re Bäu­me, spiel­ten mit dem ange­schwemm­ten Thursand, schie­fer­ten Stei­ne über den Fluss. Auf dem Weg lern­ten wir ganz bei­läu­fig die Namen der Blu­men und der Bäu­me ken­nen.

Die­se Aus­flü­ge waren für mich das Schöns­te des Tages. Spä­ter mach­te ich sie allein. Ich ver­brach­te vie­le Stun­den in einer Kies­gru­be, um die Mol­che und Unken zu beob­ach­ten und ihre Ent­wick­lung im Aqua­ri­um zu stu­die­ren, die­se zu beschrei­ben und zu zeich­nen. Je mehr ich ein­tauch­te, des­to mehr Fra­gen stell­ten sich. Gleich­zei­tig fas­zi­nier­te mich die Viel­falt der Erschei­nun­gen. Mit einer Foto­ka­me­ra und Nah­lin­sen hielt ich die Ent­wick­lungs­sta­di­en von der Zell­tei­lung an fest, doku­men­tier­te auch Eier, die abstar­ben und selt­sa­me For­men annah­men.

Beim Sehen und Beob­ach­ten war ich glück­lich und bei mir. Und mit­tels der Foto­gra­fie konn­te ich bewah­ren, was sich stän­dig ver­än­der­te, win­zi­ge Inseln schaf­fen im Strom der Zeit. Seit­her ver­su­che ich, stets neu und tie­fer in die Natur hin­ein­zu­bli­cken, was ich sehe in Bil­dern fest­zu­hal­ten und so ande­re Facet­ten ihres unend­li­chen Reich­tums dar­zu­stel­len.

Man ist ver­wan­delt, wenn man gese­hen hat. Ich sehe das Foto als Zugriff, als ein Geschenk der Natur.

Im Sep­tem­ber 2026 eröff­net im Kunst­mu­se­um Thur­gau eine Aus­stel­lung mit Pflan­­zen- und Schmet­ter­lings­fo­to­gra­fien von Simo­ne Kap­pe­l­er.

«Sol­che Ansamm­lun­gen von Fal­tern sieht man heu­te bei uns im Mit­tel­land nur noch sel­ten. Offen­bar waren die Kai­ser­män­tel eben geschlüpft, und der Giersch, der ent­lang die­ses Bach­to­bels wuchs, war ihre ers­te Nah­rung. Zwei Wochen spä­ter waren nur noch ein­zel­ne Schmet­ter­lin­ge anzu­tref­fen. Als ich das Bild vor mir sah, erin­ner­te es mich an die Vani­­tas-Stil­l­­le­­ben vor schwar­zem Hin­ter­grund der Hol­län­di­schen Meis­ter aus der Zeit des Barocks, und natür­lich an Adolf Diet­richs Blu­men­sträus­se mit Schmet­ter­lin­gen.»

Kai­ser­män­tel, Riet­hal­de, 10.7.2020
Bild und Text: Simo­ne Kap­pe­l­er, Foto­gra­fin, Frau­en­feld