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Schlupfwespen – eine Erfolgsgeschichte

Zwei läs­ti­ge Wes­pen­ar­ten haben es fer­tig­ge­bracht, die gan­ze Sip­pe der Wes­pen in Ver­ruf zu brin­gen. Dabei sind Wes­pen öko­no­misch und öko­lo­gisch von gröss­ter Bedeu­tung und dies­be­züg­lich den Bie­nen min­des­tens eben­bür­tig.

Siegfried Keller

Agrar­wis­sen­schaf­ter, ehe­mals Eid­ge­nös­si­sche Forschungs­anstalt Agro­scope Zürich-Recken­­holz

Eine Ver­tre­te­rin der Sce­l­io­ni­dae para­si­tiert Eier eines Eulen­fal­ters.
Bild: Sieg­fried Kel­ler

Die meis­ten Wes­pen leben para­si­tisch oder räu­be­risch vor­wie­gend von ande­ren Insek­ten und tra­gen wesent­lich zur Regu­lie­rung von pflan­zen­fres­sen­den Insek­ten bei. Das Haupt­ver­dienst kommt dabei den Schlupf­wes­pen zu.

Sie sind Teil der Insek­ten­ord­nung der Haut­flüg­ler (Hymen­o­pte­ra) und cha­rak­te­ri­siert durch einen meist deut­li­chen Ein­schnitt zwi­schen Brust und Hin­ter­leib, der sprich­wört­li­chen Wes­pen­tail­le, sowie durch einen Sta­chel, der Teil des Geschlechts­ap­pa­ra­tes ist und zur Eiab­la­ge dient. Sie wer­den des­halb auch als Legim­men bezeich­net. Bei den übri­gen Tail­len­wes­pen, den Stechim­men (Acu­lea­ta), zu denen u.a. die Amei­sen und die Bie­nen gehö­ren, ist der Sta­chel, sofern vor­han­den, ein eigen­stän­di­ges Organ. Er ist mit einer Gift­drü­se ver­bun­den und dient der Abwehr von Fein­den oder zum Läh­men oder Töten von erbeu­te­ten Insek­ten oder Spin­nen.

«Wes­pen sind von
gröss­ter Bedeu­tung.»

Sieg­fried Kel­ler, Agrar­wis­sen­schaf­ter
und Schlupf­wes­pen­spe­zia­list

Zahl­reich, doch kaum bekannt
Aktu­ell sind welt­weit über 150’000 Arten von Haut­flüg­lern beschrie­ben, davon rund 100’000 Schlupf­wes­pen­ar­ten. Fach­leu­te jedoch schät­zen, dass es zwi­schen 500’000 und 1 Mil­li­on Arten von Haut­flüg­lern gibt, davon sind etwa 90% Schlupf­wes­pen. Aller­dings besteht bei die­ser Grup­pe eine gros­se Wis­sens­lü­cke, was wohl auf ihre Lebens­wei­se und ihre gerin­ge Kör­per­grös­se zurück­zu­füh­ren ist.

Die gros­se Mehr­heit der Schlupf­wes­pen lebt para­si­tisch von ande­ren Insek­ten.
Ein Wirts­in­di­vi­du­um dient dabei als Nah­rung für eine Schlupf­wes­pen­lar­ve oder für meh­re­re Lar­ven, im Extrem­fall bis zu 3000. Für Wirts­in­sek­ten führt die Para­si­tie­rung stets zum Tod. Schlupf­wes­pen wer­den des­halb als Para­si­to­ide bezeich­net, um sie von Para­si­ten abzu­gren­zen, deren Lebens­wei­se wohl das Opfer beein­träch­tigt, jedoch nur aus­nahms­wei­se tötet.

Der zwei­te Haupt­grund für die man­geln­de Erfor­schung der Schlupf­wes­pen ist ihre Grös­se. Die meis­ten Schlupf­wes­pen sind klei­ner als 5 mm. Auch das kleins­te bekann­te Insekt ist eine Schlupf­wes­pe.
Sie misst gera­de ein­mal 0,14 mm, von Auge ist sie also prak­tisch unsicht­bar. So ist es ver­ständ­lich, dass vie­le Schlupf­wes­pen mit den gän­gi­gen Fang­me­tho­den ent­we­der über­se­hen wer­den oder sprich­wört­lich durch die Maschen fal­len. Hin­zu kommt, dass sich welt­weit kaum eine Hand voll Insek­ten­for­scher mit die­sen Winz­lin­gen beschäf­tigt.

Die knapp 2 mm gros­se All­­oxys­­ta-Wes­­pe para­si­tiert die Lar­ve einer Blattlaus­wes­pe im Innern der Gros­sen Brenn­nes­sel­blatt­laus.
Bild: Sieg­fried Kel­ler

«Die meis­ten Wes­pen leben para­si­tisch oder räu­be­risch vor­wie­gend von ande­ren Insek­ten und tra­gen wesent­lich zur Regu­lie­rung von pflan­zen­fres­sen­den Insek­ten bei.»

Bio­lo­gi­sche Erfolgs­re­zep­te
Die geschätz­te Zahl von 450’000 bis 900’000 Schlupf­wes­pen­ar­ten macht deut­lich, dass es sich hier ohne Zwei­fel um die erfolg­reichs­te Insek­ten­grup­pe han­delt. Die­ser Erfolg hat zahl­rei­che Ursa­chen.

Gros­ses Nah­rungs­spek­trum: Grund­sätz­lich ist jede Insek­­ten- und Spin­nen­art in jedem Ent­wick­lungs­sta­di­um ein poten­zi­el­ler Wirt von Schlupf­wes­pen. In Wirk­lich­keit ist es jedoch so, dass aus­ge­wach­se­ne Insek­ten nur aus­nahms­wei­se para­si­tiert wer­den. Selbst Schlupf­wes­pen­lar­ven und ‑pup­pen wer­den nicht ver­schont. In die­sem Fall spricht man von Hyper- oder Sekun­där­pa­ra­si­tis­mus. Gele­gent­lich wird selbst die eige­ne Art para­si­tiert (Auto­pa­ra­si­tis­mus). Eine Insek­ten­art kann Wirt zahl­rei­cher Schlupf­wes­pen sein. Umge­kehrt kann eine Schlupf­wes­pen­art je nach Spe­zia­li­sie­rung eini­ge weni­ge bis zahl­rei­che Insek­ten­ar­ten para­si­tie­ren.

«Schlupfwespen­ sind die ­erfolg-
reichs­te ­Insek­ten­grup­pe.»

Sieg­fried Kel­ler, Agrar­wis­sen­schaf­ter
und ­Schlupf­wes­pen­spe­zia­list

Spe­zi­el­le Fort­pflan­zung: Haut­flüg­ler zeich­nen sich durch eine haplo-diplo­i­de Fort­pflan­zung aus: Aus befruch­te­ten Eiern ent­ste­hen Weib­chen, aus unbe­fruch­te­ten Männ­chen. Die Weib­chen ent­schei­den, ob sie befruch­te­te oder unbe­fruch­te­te Eier legen. So kön­nen opti­ma­le Nah­rungs­res­sour­cen mit befruch­te­ten Eiern belegt wer­den, um das Repro­duk­ti­ons­po­ten­zi­al des weib­li­chen Nach­wuch­ses voll aus­zu­schöp­fen. Die­ser für Haut­flüg­ler spe­zi­fi­sche Fort­pflan­zungs­mo­dus bie­tet endo­sym­bio­ti­schen Bak­te­ri­en der Gat­tung Wol­ba­chia Mög­lich­kei­ten, in die Fort­pflan­zung der Wes­pen ein­zu­grei­fen. Die win­zi­gen Bak­te­ri­en leben bevor­zugt inner­halb der Zel­len der weib­li­chen Geschlechts­drü­sen. Von dort kön­nen sie sich bei der Bil­dung des Wes­pen­eis in die Eizel­le ein­schleu­sen. Die­se Bak­te­ri­en pflan­zen sich nur über Weib­chen bezie­hungs­wei­se über diplo­ide Eier fort. Sie haben ver­schie­de­ne Metho­den ent­wi­ckelt, um das Ent­ste­hen von Männ­chen zu ver­hin­dern. Die­se Ein­fluss­nah­me führt im Extrem­fall dazu, dass sich zahl­rei­che Schlupf­wes­pen­ar­ten gröss­ten­teils par­the­no­ge­netisch fort­pflan­zen. Dies ist nicht nur von Vor­teil für die Bak­te­ri­en, son­dern auch für die Wes­pen, die die vor­han­de­nen Res­sour­cen aus­schliess­lich für weib­li­chen Nach­wuchs nut­zen kön­nen.

Der Kohl­weiss­lings­tö­ter Apan­te­les glo­me­ra­tus bei der Eiab­la­ge in eine Jung­rau­pe des Kohl­weiss­lings.
Bild: Sieg­fried Kel­ler

Phy­sio­lo­gi­sche Beson­der­hei­ten: Schlupf­wes­pen ver­fü­gen über hoch­sen­si­ble Sin­nes­zel­len, die vor allem in den Füh­lern und im Lege­boh­rer kon­zen­triert sind. Mit den Füh­lern neh­men sie flüch­ti­ge Sub­stan­zen auf, die von Wirts­in­sek­ten und/oder von befal­le­nen Pflan­zen abge­ge­ben wer­den. Sie ermög­li­chen die Ortung der Wir­te. Ob sich ein Wirt für die Para­si­tie­rung eig­net, ent­schei­den opti­sche und tak­ti­le Rei­ze. Für das Loka­li­sie­ren von Wirts­in­sek­ten im Innern von Pflan­zen sind zusätz­lich zu den Füh­lern die Sin­nes­zel­len an der Spit­ze des Lege­boh­rers ent­schei­dend. Um das Immun­sys­tem ihrer Wir­te aus­zu­trick­sen, haben Schlupf­wes­pen zahl­rei­che Metho­den ent­wi­ckelt.

Ana­to­mi­sche Beson­der­hei­ten: Die Wes­pen­tail­le wird vom Stiel­chen (Petio­lus) gebil­det. Die­ses Kör­per­teil, das den Brust­ab­schnitt mit dem Hin­ter­leib ver­bin­det, ver­leiht den Schlupf­wes­pen eine gros­se Beweg­lich­keit, die beson­ders für die Eiab­la­ge in ver­steckt leben­de Wir­te not­wen­dig ist. Um die­se Nah­rungs­quel­le zu erschlies­sen, die den räu­be­ri­schen Insek­ten und den meis­ten Vögeln ver­schlos­sen ist, ver­fü­gen vie­le Schlupf­wes­pen über einen deut­lich sicht­ba­ren Lege­boh­rer, der oft mehr als kör­per­lang ist.

Es ist die­se beson­de­re Lebens­wei­se, aber auch eine hohe Anpas­sungs­fä­hig­keit, wel­che Schlupf­wes­pen im Lauf ihrer Evo­lu­ti­on zur erfolg­reichs­ten Insek­ten­grup­pe gemacht hat.

Video «Schlupf­wes­pen­weib­chen bei der Eiab­la­ge»

Kel­ler S. & Baur H. (2025). Schlupf­wes­pen – Ihre geheim­nis­vol­le Welt beob­ach­ten und ver­ste­hen.

Haupt-Ver­­lag Bern. 240 S.