maga­zin
thur­gaui­sche
natur­for­schen­de
gesell­schaft

Wo Biber bauen, blüht das Leben

Biber tra­gen mit ihren Däm­men zu leben­di­gen, arten­rei­chen und kli­ma­re­si­li­en­te­ren Bächen bei. Wo aber staut und baut er? Ein Biber-Auen­­­mo­­dell zeigt schweiz­weit sein gros­ses Poten­zi­al – auch für den Kan­ton Thur­gau.

Christof Angst

Lei­ter natio­na­le Biber­fach­stel­le bei info fau­na

Biber bau­en Lebens­räu­me
Biber blei­ben sel­ten unbe­merkt, wenn sie in einen Bach ein­zie­hen und Däm­me bau­en. Sie schaf­fen ste­hen­des Was­ser, lich­ten Wäl­der auf und kön­nen so gan­ze Land­schaf­ten ver­än­dern. Ein drei­jäh­ri­ges, von der natio­na­len Biber­fach­stel­le gelei­te­tes For­schungs­pro­jekt des Bun­des zeigt, dass Biber zu äus­serst arten­rei­chen, dyna­mi­schen und auch kli­ma­re­si­li­en­te­ren Gewäs­sern bei­tra­gen kön­nen. Erst­mals konn­te in einer Stu­die nach­ge­wie­sen wer­den, dass Biber die Arten­viel­falt nicht nur in natür­li­chen Bächen för­dern, son­dern gera­de auch in künst­li­chen, kana­li­sier­ten Bächen im Offen­land und im Wald: An 16 unter­such­ten Revie­ren zeig­te sich, dass im Schnitt 3,1‑mal mehr Arten von Amphi­bi­en, Fischen, Libel­len, Was­­ser-Wir­­bel­­lo­­sen und Was­ser­pflan­zen und 13,7‑mal mehr Indi­vi­du­en die­ser Arten im Biber­re­vier leben, als in einer Kon­troll­stre­cke am sel­ben Bach ohne Wir­ken des Bibers. In Biber­re­vie­ren im Wald, wo sie Flä­chen über­flu­ten und Bäche mit dem Wald ver­net­zen kön­nen, leben gar 6,5‑mal mehr Arten und 62-mal mehr Indi­vi­du­en als in den Kon­troll­stre­cken.

Das gröss­te Biber­re­vier in der Schweiz: Eine Biber­fa­mi­lie hat den kana­li­sier­ten Meder­bach in Mar­tha­len ZH mit einem ein­zi­gen Damm kom­plett in den Wald umge­lei­tet. Ent­stan­den ist ein wah­rer Bio­­­di­­ver­­­si­­täts-Hot­s­pot.
Bild: Chris­tof Angst

Abgren­zung eines Biber­au­en­ge­biets.
Links: Luft­bild 2009 vor Ankunft des Bibers, blau=Bachlauf;
Rechts: Luft­bild 2023 des­sel­ben Abschnitts, blau=Bachlauf, rot= Gren­ze der model­lier­ten Biber­aue mit einer Biber­damm­hö­he von 0,5 m. Der durch den Biber beein­fluss­ten Bereich ist gut erkenn­bar durch das Feh­len der Bäu­me. Kar­ten­hin­ter­grund: swiss­to­po.

Biber­ak­ti­vi­tä­ten haben zwei Sei­ten
Biber­tei­che bie­ten aber noch weit mehr. Sie rei­ni­gen das Was­ser und bau­en Nitra­te ab. So fin­den sich bis zu 20 % weni­ger Nitra­te unter­halb der aktivs­ten Biber­tei­che. Biber­feucht­ge­bie­te kön­nen wei­ter gros­se Men­gen Koh­len­stoff bin­den und lang­fris­tig in den Sedi­men­ten spei­chern. Das gröss­te Biber­re­vier in der Schweiz im zür­che­ri­schen Mar­tha­len (Abbil­dung links) spei­chert drei­mal mehr Koh­len­stoff als der Wald, der vor­her vor­han­den war. Schät­zun­gen zei­gen, dass Biber mit ihren Tei­chen künf­tig rund 1 % des Was­sers zurück­hal­ten kön­nen, das die Land­wirt­schaft jähr­lich zur Bewäs­se­rung nutzt. Wie gross das Volu­men des Grund­was­sers ist, das über die Biber­tei­che ange­rei­chert wird, ist nicht bekannt. Es dürf­te aber deut­lich grös­ser sein als das Was­ser in den Biber­tei­chen.

Der Schlüs­sel für die posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen von Biber­tei­chen ist die Ver­zah­nung der Gewäs­ser mit dem Umland, wenn also das Was­ser wie­der zurück in die Aue flies­sen kann. Was uns direkt zur Kehr­sei­te des Gan­zen führt: In unse­rer dicht besie­del­ten Kul­tur­land­schaft, wo jeder Qua­drat­me­ter bewirt­schaf­tet wird, führt dies unwei­ger­lich zu Kon­flik­ten. Wo bau­en Biber künf­tig Däm­me? Mit die­sem Wis­sen lies­se sich gezielt erken­nen, wo Biber beson­ders wert­vol­le Lebens­räu­me schaf­fen kön­nen – aber auch, wo es zu Kon­flik­ten mit der Land­nut­zung kommt. Die­se Erkennt­nis­se wür­den den Kan­to­nen, die für das Biber­ma­nage­ment und den Natur­schutz ver­ant­wort­lich sind, hel­fen, bes­ser zu pla­nen und vor­aus­schau­end zu han­deln.

«Eine voraus­schauende Pla­nung
hilft, Kon­flik­te zu mini­mie­ren.»

Chris­tof Angst
Lei­ter natio­na­le Biber­fach­stel­le

Das Biber-Auen­­­mo­­dell
Ein neu errech­ne­tes Biber-Auen­­­mo­­dell schafft hier­für die Vor­aus­set­zung. Biber bau­en Däm­me haupt­säch­lich in Bächen bis zu einem Gefäl­le von 4 % und einer Brei­te von 6 m. In der Schweiz könn­ten Biber theo­re­tisch 9800 km Bäche mit Däm­men ver­bau­en. Mit­hil­fe eines spe­zi­ell ent­wi­ckel­ten sta­tis­ti­schen Ver­fah­rens wur­den Fluss­au­en abge­grenzt, die sich für die Schaf­fung von Biber­tei­chen eig­nen (Abbil­dun­gen unten). Die­se Abgren­zung basiert auf der Höhe des Gelän­des im Ver­hält­nis zur Gewäs­ser­tie­fe des Baches plus einer Biber­damm­hö­he von 0,5 m (Durch­schnitts­hö­he 2022) bzw. 1,5 m (16 % der Däm­me waren 2022 ≥ 1,5 m). Den berech­ne­ten Auen­flä­chen wur­den dann Bewer­tun­gen zuge­wie­sen, wie gross dort die «Chan­cen» für die Natur sind, bzw. ob «poten­zi­el­le Kon­flik­te» mit der Land­nut­zung bestehen: Gemäss Modell­be­rech­nun­gen bie­ten 29’840 ha mehr­heit­lich Chan­cen (im Kan­ton Thur­gau: 1816 ha), auf 15’213 ha zeich­nen sich Kon­flik­te ab (im Kan­ton Thur­gau: 753 ha). Das Kon­flikt­po­ten­zi­al ist vor allem in Gewäs­sern tie­fer Lagen hoch und nimmt ab 600 m ü. M. stark ab. Die­se Gewäs­ser dürf­ten Biber in Zukunft ver­mehrt besie­deln, lie­gen heu­te doch 89 % der Revie­re unter 600 m ü. M. Geeig­ne­te Revie­re in die­sen tie­fen Lagen wer­den jedoch zuneh­mend knapp.

Biber haben einen Wald geflu­tet. Zahl­rei­che neue Lebens­räu­me ent­ste­hen, die Arten­viel­falt nimmt stark zu.
Bild: Chris­tof Angst

Die Schweiz – Vor­rei­te­rin im Natur­schutz?
Das Biber-Auen­­­mo­­dell steht den kan­to­na­len Forst­äm­tern – aber auch der brei­ten Öffent­lich­keit – seit 2025 zur Ver­fü­gung, um Flä­chen aus­fin­dig zu machen, auf denen Biber Wäl­der wie­der vernäs­sen kön­nen. Feuch­te Wäl­der zäh­len in der lau­fen­den Peri­ode der Pro­gramm­ver­ein­ba­run­gen im Umwelt­be­reich zwi­schen Kan­to­nen und Bund (BAFU) zu den Lebens­räu­men, die es gezielt zu för­dern gilt. Dem Biber kommt in die­sem Zusam­men­hang gros­se Bedeu­tung zu. Wald­ei­gen­tü­mer, die bereit sind, den Biber wir­ken zu las­sen und so ein Wald­re­ser­vat schaf­fen, das sie lang­fris­tig erhal­ten, wer­den dafür von den Kan­to­nen ent­schä­digt.

«Biber bie­ten gros­se Chan­cen
für leben­di­ge­re Gewäs­ser»

Chris­tof Angst
Lei­ter natio­na­le Biber­fach­stel­le

Biber statt Bag­ger – die Chan­ce nut­zen
Das Biber-Auen­­­mo­­dell zeigt, dass der Biber in Zukunft ein gros­ses Poten­zi­al für die För­de­rung der Bio­di­ver­si­tät bie­tet und einen wich­ti­gen Net­to­nut­zen für Natur und Gesell­schaft schaf­fen kann. Den Biber in Zukunft bei Was­ser­bau­pro­jek­ten mit ein­zu­pla­nen, birgt nicht nur öko­lo­gi­sche, son­dern auch gesell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Vor­tei­le, denn sei­ne Akti­vi­tä­ten sind effek­ti­ver als teu­re und auf­wen­di­ge tech­ni­sche Mass­nah­men. Und die viel­fäl­ti­gen Lebens­räu­me, die er gestal­tet, berei­chern auch unse­re Lebens­qua­li­tät. Es gibt Mög­lich­kei­ten, die uner­wünsch­ten Aus­wir­kun­gen von Biber­aktivitäten bereits im Rah­men der Pla­nung von Was­ser­bau­pro­jek­ten zu erken­nen und zu ver­mei­den. Wenn wir den Biber und sein Ver­hal­ten ver­ste­hen und aktiv mit ihm zusam­men­ar­bei­ten, ist es mög­lich, Kon­flik­te von Beginn weg deut­lich zu mini­mie­ren oder ganz zu ver­mei­den. All dies macht den fleis­si­gen Was­ser­bau­er zu einem wert­vol­len Part­ner bei der Schaf­fung leben­di­ger Gewäs­ser.

Lite­ra­tur 

Angst C., Auber­son C., Nien­huis C. (2023). Biber­be­stan­des­er­he­bung 2022 in der Schweiz und in Liech­ten­stein. info fau­na Biber­fach­stel­le und For­nat AG. 136 S.

Angst, C. & Auber­son C. (2025). Der Biber – ein wir­kungs­vol­ler Part­ner für leben­di­ge Gewäs­ser. Bio­di­ver­si­tät 2025. Bun­des­amt für Umwelt, Bern. 58 S.

Biber-Auen­­­mo­­dell auf der Web­site der Biber­fach­stel­le (2025). https://www.infofauna.ch/de/artenfoerderung/2024_modellierung-von-biber-auengebieten-der-schweiz#gsc.tab=0

BAFU (2023). Hand­buch Pro­gramm­ver­ein­ba­run­gen im Umwelt­be­reich 2025 – 2028 Mit­tei­lung des BAFU als Voll­zugs­be­hör­de an Gesuch­stel­ler. Umwelt-Vol­l­­zug. Bun­des­amt für Umwelt, Bern. 256 S.

Den­nis, M., Angst, C., Lar­sen, J., Rey, E. & Lar­sen, A. (2024). A natio­nal sca­le flood­plain model reve­al­ing chan­nel gra­di­ent as a key deter­mi­nant of bea­ver dam occur­rence and inu­n­da­ti­on poten­ti­al can anti­ci­pa­te land-use based oppor­tu­ni­ties and con­flicts for river res­to­ra­ti­on. Glo­bal Eco­lo­gy and Con­ser­va­ti­on, 56. https://doi.org/10.1016/j.gecco.2024.e03304

Lar­sen, A., Ber­ger, K., Angst, C., Auber­son, C., Ceper­ley, N., d’Epagnier, R., Robin­son, R., Schaef­li, B. & Lar­sen, J. (2024a). Modi­fi­ca­ti­on and spa­ti­al varia­ti­on of riveri­ne nitro­gen and dis­sol­ved orga­nic car­bon con­cen­tra­ti­ons due to bea­ver damming across Switz­er­land. Exper­ten­be­richt des Moduls 3.2 des natio­na­len Biber­pro­jek­tes «Funk­tio­na­li­tät der Stau­ak­ti­vi­tät des Bibers in der Lan­d­­schaft- ein Pro­jekt zur Stär­kung der öko­lo­gi­schen Infra­struk­tur». 59 S.

Lar­sen, J., d’Épagnier, R., Angst, C., Ber­ger, K., Boek, K., Ceper­ly, N., Schaef­li, B., Thurn­heer, S. & Lar­sen, A. (2024b). Towards a car­bon bud­get for the Mar­tha­len bea­ver wet­land. Exper­ten­be­richt des Moduls 3.3 des natio­na­len Biber­pro­jek­tes «Funk­tio­na­li­tät der Stau­ak­ti­vi­tät des Bibers in der Lan­d­­schaft- ein Pro­jekt zur Stär­kung der öko­lo­gi­schen Infra­struk­tur». 11 S.

Min­nig, S., Pol­li, T., Krieg, R., Lüscher, B., Küry, D., Kre­ien­bühl, T. & Jacob, G. (2024a). Expert:innenbericht: Ein­fluss des Bibers auf die Bio­di­ver­si­tät – eine Meta-Ana­­ly­­se. Genos­sen­schaft umweltbildner.ch. Bern: 156 S.