maga­zin
thur­gaui­sche
natur­for­schen­de
gesell­schaft

Die erste Frau an der Spitze eines Naturmuseums

Olga Möt­te­li lei­te­te von 1940 bis 1944 als ers­te Frau in der Schweiz ein Natur­museum, das Natur­museum Thur­gau. Sie war viel­sei­tig inter­es­siert. Trotz­dem blieb ihr auf­grund ihres Geschlechts eine aka­de­mi­sche Bil­dung ver­wehrt.

Barbara Richner

Kul­tur­wis­sen­schaf­te­rin,
Samm­lungs­ku­ra­to­rin
Natur­museum Thur­gau

Lei­den­schaft für Moo­se
In der Samm­lung des Natur­mu­se­ums Thur­gau fin­den sich zahl­rei­che Moos­be­le­ge, fein säu­ber­lich num­me­riert, auf Kärt­chen geklebt und in Kurr­ent­schrift beschrie­ben. Sie gehö­ren zu einem Vor­trag, den die damals 33-jäh­ri­­ge Olga Möt­te­li 1919 vor den Mit­glie­dern der Thur­gau­ischen Natur­for­schen­den Gesell­schaft hielt, unter dem Titel Ein Moos-Spa­­zier­­gang. Möt­te­li war die ein­zi­ge von zwei Frau­en in der damals 188 Mit­glie­der umfas­sen­den TNG, wel­che sich aktiv am Vor­­­trags- und Publi­ka­ti­ons­we­sen betei­lig­te. Die Kärt­chen hat­te sie als Anschau­ungs­mit­tel ihrer Aus­füh­run­gen ange­fer­tigt.

Por­trät von Olga Möt­te­li (1886–1944) Bild: Thur­gau­er Frau­en­ar­chiv

Olga Möt­te­li war weder Bio­lo­gin, noch hat­te sie einen Hoch­schul­ab­schluss – der Zugang zur Kan­tons­schu­le in Frau­en­feld war ihr als Mäd­chen um 1900 noch ver­wehrt gewe­sen. Den­noch trat sie 1917 der TNG bei und traf dort den lang­jäh­ri­gen Kon­ser­va­tor des Natur­mu­se­ums, Hein­rich Wegel­in. In Pri­vat­stun­den liess sie sich von Wegel­in (1853–1940) in die Bio­lo­gie der Moo­se ein­füh­ren, arbei­te­te sich in das anspruchs­vol­le The­ma ein und hin­ter­liess dem Muse­um ein Her­ba­ri­um mit 750 wis­sen­schaft­lich doku­men­tier­ten thur­gau­ischen Moos­be­le­gen – die Grund­la­ge für das heu­ti­ge Moos­her­bar mit über 3500 Thur­gau­er Bele­gen. In die­ser Zeit stell­te sie unter dem Titel Lokal­flo­ra der Thur­gau­er Laub­moo­se ein Kon­vo­lut zusam­men, in wel­chem sie 152 Moos­ar­ten beschrieb und auf Kar­ten fixier­te. Von 24 Arten fer­tig­te sie kolo­rier­te Tusch­zeich­nun­gen von Details, wel­che sie unter dem Mikro­skop beob­ach­tet hat­te. Wohl nicht zuletzt wegen der anspre­chen­den Gestal­tung die­ser wis­sen­schaft­li­chen Samm­lung konn­te Olga Möt­te­li sie 1928 an der ers­ten Schwei­ze­ri­schen Aus­stel­lung für Frau­en­ar­beit (SAFFA) aus­stel­len. Sie bezeich­ne­te die bei­den Jah­re, in denen sie sich ver­tieft mit dem Zeich­nen von Moo­sen beschäf­tig­te, als die schöns­ten ihres Lebens.

«Der Zugang zur Kan­tons­schu­le in Frau­en­feld war Mäd­chen um 1900 ver­wehrt.»

Bar­ba­ra Rich­ner, Kul­tur­wis­sen­schaf­te­rin,
Samm­lungs­ku­ra­to­rin Natur­museum Thur­gau

Auch ein Fai­ble für Schne­cken
Ab den 1920er-Jah­­ren arbei­te­te Olga Möt­te­li regel­mäs­sig im Natur­museum: Sie ord­ne­te Samm­lungs­be­stän­de und führ­te Besu­chen­de durchs Muse­um. Hein­rich Wegel­in ver­mit­tel­te ihr das Grund­la­gen­wis­sen zu wei­te­ren Fach­ge­bie­ten und unter­stütz­te sie bei ihren For­schungs­tä­tig­kei­ten. 1933 reg­te er sie zur Erfor­schung der Schne­cken­fau­na im Thur­gau an. Auch hier wid­me­te sich Olga Möt­te­li dem anspruchs­vol­len The­ma mit der ihr eige­nen Gründ­lich­keit. In der Samm­lung des Natur­mu­se­ums fin­den sich Zei­chen­hef­te mit detail­lier­ten Skiz­zen von Schne­cken­häu­sern und Ver­gleichs­samm­lun­gen, mit denen sie sich die Arten ein­präg­te. Bis 1935 trug Olga Möt­te­li von rund 80 Exkur­sio­nen rund 7000 Schne­cken­häus­chen zusam­men und publi­zier­te die­se 1936 in Band 30 der TNG-Mit­­tei­­lun­­gen. Die ein­wand­frei doku­men­tier­ten, knapp 1500 Objek­te legen die zen­tra­le Basis für die Schne­cken­samm­lung des Natur­mu­se­ums, die heu­te 3800 Mol­lus­ken­be­le­ge umfasst – zwei Drit­tel davon stam­men aus dem Thur­gau.

Ers­te Frau an der Spit­zeeines Natur­mu­se­ums
Olga Möt­te­li stamm­te aus einer finan­zi­ell gut gestell­ten Fami­lie. Sie hat­te kei­ne Geschwis­ter und bereits mit 21 Jah­ren bei­de Eltern ver­lo­ren. Zeit­le­bens blieb sie allein­ste­hend, war aber finan­zi­ell unab­hän­gig. Früh litt sie an einer schmerz­haf­ten Rücken­er­kran­kung, die sie immer wie­der über län­ge­re Pha­sen ins Bett zwang. 1933 wur­de Hein­rich Wegel­in 80 Jah­re alt. Olga Möt­te­li arbei­te­te bereits vie­le Jah­re mit ihm zusam­men und hat­te sich in die­ser Zeit zu einer aner­kann­ten Fach­kraft ent­wi­ckelt und kann­te das Muse­um und sei­ne Samm­lun­gen bes­tens. So schien sie als Nach­fol­ge­rin gesetzt. 1940 zeich­ne­te Olga Möt­te­li erst­mals als Ver­wal­te­rin der Samm­lung. Dann aber schränk­te ein Krank­heits­schub ihre Arbeit am Muse­um für län­ge­re Zeit ein. Bis zum Tod von Hein­rich Wegel­in 1940 wech­sel­ten sich die bei­den je nach Gesund­heits­zu­stand in der Füh­rung des Muse­ums ab. Danach über­nahm Olga Möt­te­li die allei­ni­ge Lei­tung. Sie ist bis heu­te die ers­te bekann­te Frau in der Schweiz, die einem Natur­museum vor­stand.

Olga Möt­te­lis Samm­lungs­ar­beit zeich­net sich durch Sorg­falt und Genau­ig­keit aus. Bild: Natur­museum Thur­gau

Autorin der ers­ten Flo­ra Thur­gau
Zwi­schen 1939 und 1941 sam­mel­te Olga Möt­te­li rund 380 Pflan­zen für das Thur­gau­er Her­bar und führ­te Hein­rich Wegel­ins Flo­ra des Kan­tons Thur­gau zu Ende. Dabei berück­sich­tig­te sie auch den Bestand von in den Thur­gau ein­ge­schlepp­ten Pflan­zen, heu­te bekannt als Neo­phy­ten. Wei­ter muss­ten Lite­ra­tur­hin­wei­se ver­voll­stän­digt, und in Bestim­mungs­fra­gen Kor­re­spon­den­zen mit Bota­ni­kern geführt wer­den – all dies unter den erschwer­ten Bedin­gun­gen der Kriegs­jah­re. 1943 schliess­lich ver­öf­fent­lich­te Olga Möt­te­li die Flo­ra des Kan­tons Thur­gau im Selbst­ver­lag des Natur­mu­se­ums. Es war die ers­te umfas­sen­de Beschrei­bung der damals bekann­ten Thur­gau­er Pflan­zen­welt, ein Fund­ka­ta­log, der mit ca. 1400 Pflan­zen­ar­ten die Grund­la­ge für die heu­te rund 46’000 Daten­sät­ze zu Gefäss­pflan­zen umfas­sen­de Daten­bank des Natur­mu­se­ums dar­stell­te. Die­ser Kraft­akt muss­te sie, neben ihrer ange­schla­ge­nen Gesund­heit und der bedrü­cken­den Stim­mung der Kriegs­jah­re, erschöpft haben. Anfang 1944 begab sich Olga Möt­te­li auf­grund von Depres­sio­nen nach Zürich in Behand­lung. Im April 1944 nahm sie sich dort das Leben.

«Eine sel­te­ne Ver­bin­dung von wis­sen­schaft­li­cher und künst­le­ri­scher Bega­bung war ihr eigen.»

Bar­ba­ra Rich­ner, Kul­tur­wis­sen­schaf­te­rin,
Samm­lungs­ku­ra­to­rin Natur­museum Thur­gau

Wis­sen­schaft­li­che Pio­nie­rin abseits der Aka­de­mie
In der Samm­lung des Natur­mu­se­ums befin­den sich zahl­rei­che Zeug­nis­se von Olga Möt­te­lis Arbeit. Sie leis­te­te grund­le­gen­de Bei­trä­ge zu zen­tra­len Samm­lungs­be­rei­chen und fand mit ihren For­schungs­ar­bei­ten auch über die Regi­on hin­aus Aner­ken­nung. Das ist für eine gesund­heit­lich beein­träch­tig­te Frau, die sich ohne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung und fami­liä­ren Rück­halt in einem män­ner­ge­präg­ten wis­sen­schaft­li­chen Umfeld beweg­te, mehr als bewun­derns­wert.

Vor­trag Ein Moos-Spa­­zier­­gang von Olga Möt­te­li

Lite­ra­tur

Mit­tei­lun­gen der Thur­gau­ischen Natur­for­schen­den Gesell­schaft (1944). Nach­ruf Olga Möt­te­li. (33). 138–140.

Moos­spa­zier­gän­ge — Schne­cken­fahr­ten: Arbei­ten von Olga Möt­te­li, Kon­ser­va­to­rin Natur­museum 1936–1944: Kabi­nett­aus­stel­lung, 22.12.2012 — 30.6.2013. Bro­schü­re. Archiv NMTG 5300/3654.

Möt­te­li, O. (1919). Ein Moos-Spa­­zier­­gang. Typo­skript Vor­trag TNG 1919, Staats­ar­chiv Thur­gau, Sign. F1’7 Dos­sier 0/1.

Möt­te­li, O. (1928). SAF­­FA-Urkun­­de, 1928. Archiv NMTG 3002/3680.

Möt­te­li, O. (1935). Schne­cken und Muscheln des Kan­tons Thur­gau. Mit­tei­lun­gen der Thur­gau­ischen Natur­for­schen­den Gesell­schaft (30). 3–38.

Möt­te­li, O. Schne­cken. 4 Notiz- und Skiz­zen­hef­te. Archiv NMTG 7160/3670.

Thur­gau­er Jahr­buch (1945). Nach­ruf Olga Möt­te­li. 34–35.

Wegel­in, H, (1943): Die Flo­ra des Kan­tons Thur­gau. (als Manu­skript ver­viel­fäl­tigt). Frau­en­feld. 195 S.