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Die älteste Geologiesammlung im Thurgau

In Güt­tin­gen wur­de im Som­mer 2023 eine bron­ze­zeit­li­che Depo­nie­rung mit Schmuck, Waf­fen und Amu­let­ten ent­deckt. Bemer­kens­wert sind eini­ge Fos­si­li­en und Mine­ra­li­en, die vor 3500 Jah­ren gesam­melt wur­den.

Urs Leuzinger

Archäo­lo­ge, Amt für Archäo­lo­gie Thur­gau

Die geo­lo­gi­schen Fun­de
Im Hort­fund von Güt­tin­gen TG Im Rain befin­den sich neben Schmuck­stü­cken aus Gold, Bron­ze und Bern­stein meh­re­re geo­lo­gi­sche Objek­te. Alle lagen bei der Frei­le­gung im Restau­rie­rungs­la­bor des Amtes für Archäo­lo­gie, mit Aus­nah­me des Berg­kris­talls, eng bei­ein­an­der. Ver­mut­lich befan­den sie sich bei der Nie­der­le­gung in einem Beu­tel aus ver­gäng­li­chem Mate­ri­al.

Das voll­stän­di­ge Fun­d­en­sem­ble von Güt­tin­gen. Bild: J. Rüthi

Der Ammo­nit kann palä­on­to­lo­gisch als Echio­ce­ras rari­cos­ta­tum bestimmt wer­den, ein Leit­fos­sil der Rari­­cos­­ta­­tum-Zone des Obers­ten Siné­mu­ri­ens (194,5–193 Mio. Jah­re). Die bis zu 6 cm gros­sen Mee­res­tie­re leb­ten als schwim­men­de Kar­ni­vo­ren in fla­chen Gewäs­sern. Geo­lo­gi­sche Schich­ten mit Fun­den von Echio­ce­ras rari­cos­ta­tum-Fos­si­li­en sind in Vor­arl­berg (A) sowie in Süd­deutsch­land nach­ge­wie­sen. Der ver­stei­ner­te Hai­fisch­zahn ist 0,95 cm lang. Die Kro­ne ist gut erhal­ten und an der Basis mit leicht gerill­tem Zahn­schmelz über­zo­gen. Das Fos­sil kann Car­cha­ri­as cf. acu­tis­si­mus zuge­ord­net wer­den. Die­se Sand­ti­ger­haie leb­ten im Meer und ernähr­ten sich von Kno­chen­fi­schen. Der Zahn stammt wohl aus den Grau­pen­san­den der Obe­ren Mee­res­mo­las­se bei Ben­ken im Kan­ton Zürich und ist 17 Mio. Jah­re alt. Die Berg­kris­tall­spit­ze ist 1,8 cm lang. Die Ober­flä­chen und Kan­ten sind nicht bes­tos­sen, was gegen einen län­ge­ren Geröll­trans­port spricht. Pri­mä­re Vor­kom­men sind z.B. im Kan­ton Grau­bün­den bekannt. Im Inven­tar befin­den sich zudem 21 Eisen­­erz-Kon­­­k­re­­tio­­nen mit Durch­mes­sern von 0,3–1,2 cm. Das geo­gra­fisch am nächs­ten lie­gen­de Vor­kom­men die­ser Boh­­nerz-Kügel­chen befin­det sich im Kan­ton Schaff­hau­sen.

Ammo­nit, fos­si­ler Zahn eines Sand­ti­ger­hais, Berg­kris­tall und Eisen­­erz-Kon­­­k­re­­tio­­nen aus dem Fun­d­en­sem­ble. Bild: Amt für Archäo­lo­gie Thur­gau

Ältes­te Thur­gau­er geo­lo­gi­sche Samm­lung
Geo­lo­gi­sche «Natur­spie­le» kom­men immer wie­der in archäo­lo­gi­schen Fund­stel­len vor. Bereits in der jün­ge­ren Alt­stein­zeit – z. B. im Kess­ler­loch nörd­lich von Schaff­hau­sen – fan­den sich durch­loch­te Ammo­ni­ten, die als Amu­let­te, Schmuck­an­hän­ger oder Klei­der­be­satz inter­pre­tiert wer­den. Was das Ensem­ble von Güt­tin­gen ein­ma­lig macht, ist die viel­fäl­ti­ge Zusam­men­set­zung der geo­lo­gi­schen Objek­te sowie das zeit­lich geschlos­se­ne «Ensem­ble». Es liegt also tat­säch­lich eine bewusst zusam­men­ge­tra­ge­ne geo­lo­gi­sche Samm­lung aus der Bron­ze­zeit vor!

Lite­ra­tur

Ban­di, H.-G. (1984). Die Klein­kunst aus dem Kess­ler­loch. Die Kul­tur der Eis­zeit­jä­ger aus dem Kess­ler­loch. See­kreis Ver­lag, Kon­stanz. 164 S.

Feicht­in­ger, I. und Pol­ler­spöck, J. (2021). Haie im Alpen­vor­land – Fos­si­le Zeu­gen eines ver­schwun­de­nen Para­die­ses. Ver­lag Anton Pus­tet, Salz­burg. 264 S.

Schle­gel­milch, R. (1992). Die Ammo­ni­ten des süd­deut­schen Lias: ein Bestim­mungs­buch für Fos­si­li­en­samm­ler und Geo­lo­gen. – 2. Aufl. Gus­tav Fischer Ver­lag, Stutt­gart, Jena, New York. 241 S.